% Vo Empirisch Wissenschaftliche Sicht
%
% (c) Juni 2002 by Robert Entner

\documentclass[12pt, titlepage, a4paper]{article}
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\usepackage[latin1]{inputenc}
\pagestyle{headings}

\begin{document}

\title{Hausarbeit zu den Vorlesungen aus Empirisch--wissenschaftlicher Sicht von Univ. Prof. Gerhard Fasching\\355.465}
\author{Robert Entner\\9725877 / E754}

\maketitle

\section{Fragestellungen}

\begin{enumerate}
\item Wie muss man vorgehen, um zur naturwissenschaftlichen Wirklichkeit zu
finden?
    Wie sieht der Regel-- und Methodenkanon aus?
    Zu welcher Struktur führt diese Methodologie?
Geben Sie hiezu Beispiele aus Ihrem eigenen Fachgebiet an.
\item Was versteht man unter der Dynamik der "`normalen
Wissenschaft"'?
    Wie sieht die Dynamik einer "`wissenschaftlichen Revolution"' aus?
    Versuchen Sie Beispiele aus Ihrem eigenen Fachgebiet anzugeben.
\item Welche Bedeutung hat der Wirklichkeitspluralismus für Naturwissenschaft und
Technik?
    Geben Sie Beispiele aus Ihrem eigenen Fachgebiet an.
\item Würden Sie bitte versuchen zu formulieren, was denn das eigentliche Anliegen meiner Vorträge zu diesem Thema war.
Warum bringe ich Ihnen diese Gedanken nahe?
Nehmen Sie bitte hierzu persönlich Stellung.
\end {enumerate}


\section{Einleitung}

Die naturwissenschaftliche Wirklichkeit wird im allgemeinen als
absolut ver\-lässlich und absolut wahr angenommen, aber sie ist
relativ, da sie nur einen kleinen Bereich des Ganzen beleuchtet
und selbst diesen auf spezifische Weise gestaltet (Regel-- und
Methodenkanon). Außerdem gibt es noch den kulturellen Hintergrund
(die Lebenswirklichkeit), der der Naturwissenschaft vorausgeht.
Beide sind aber nur kleine Bereich des Urgrunds, der wahren
Wahrheit, welcher aber einer direkten Betrachtung nicht zugänglich
ist.

\section{Die naturwissenschaftliche Wirklichkeit}

Die Naturwissenschaft ist heute eine sehr komplexe Wirklichkeit.
Für beinahe alles gibt es eine Erklärung, und wenn es keine gibt
dann muss sie nur noch gefunden werden. Aber ist das die einzige
"`Wahrheit"'?

In der Welt des naiven Realismus sind die Dinge einfach das was
sie sind und nicht mehr. In der naturwissenschaftlichen
Wirklichkeit ist alles viel genauer erklärt, viel komplexer
dargestellt. Aber ist das alles?

Nein, auch die naturwissenschaftliche Wirklichkeit klammert viele
Bereiche aus, schon allein durch die Vorgehensweise mit der sie zu
ihren Erkenntnissen kommt. Die Naturwissenschaft entsteht aus
einem Regel-- und Methodenkanon und will zu einer Struktur kommen.
Um zur naturwissenschaftlichen Realität zu kommen, muss man also
über 3 Stufen steigen:

\begin{enumerate}

\item \emph{Regeln.} Regeln werden definiert um naturwissenschaftlichen Aussagen Bestimmtheit zu geben. Die Regeln sind
\begin{itemize}
\item \emph{Erfahrung ist die einzige Wissensquelle.} Beobachtung und Experiment dienen uns als Quelle unserer Erfahrungen.
\item \emph{Reproduzierbarkeit.} Wird etwas auf gleiche Art wiederholt muss es gleich ablaufen. Nur Zufälliges entzieht sich der Reproduzierbarkeit.
\item \emph{Widerspruchsfreiheit.} Alle wissenschaftlichen Aussagen müssen logisch sein und sich verbinden lassen.
\item \emph{Falsifikationsprinzip.} Da es in der Naturwissenschaft kein Beweisverfahren gibt, muss überprüft werden, ob eine wissenschaftliche Aussage nicht falsch sein könnte. Dieses Verfahren ist für die Naturwissenschaft unverzichtbar.
\item \emph{Kausalität.} Gemeint ist der Zusammenhang von Ursache und Wirkung.
\item \emph{Kumulativität.} Als gültig Erkanntes ist auch in Zukunft gültig.
\end{itemize}

\item \emph{Methode.} Methode meint die Vorgehensweise um zu einer
wissenschaftlichen Erkenntnis zu kommen.
\begin{itemize}
\item \emph{Begriffe} müssen festgelegt werden. Sie bilden die Grundlage.
\item \emph{Theorien} sind Modelle für eine Gruppe von Phänomenen. Sie sind nicht beweisbar.
\item \emph{Erklärungen} zeigen, dass ein Phänomen theoriekonform ist. Sie geben Antworten auf die
Warum -- Frage
\item \emph{Voraussagen} sind Erklärungen (gleicher Aufbau) für die Zukunft.
\end{itemize}

\item \emph{Struktur.} Über den Regel-- und Methodenkanon kommt man zur Struktur.
Sie charakterisiert die naturwissenschaftliche Wirklichkeit. Die
Merkmale der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit sind die
strukturellen Details:
\begin{itemize}
\item \emph{Tatsachen} sind Details, die in Summe das ergeben was man Wirklichkeit nennt.
\item \emph{Wirklichkeit} ergibt sich --- wie gesagt --- aus Tatsachen. Sie wird erfahren.
\item \emph{Realität} ist die intersubjektive (objektive) Wirklichkeit. Dass heißt sie ist für jeden gleich.
\end{itemize}

\end{enumerate}

Die Fortschrittsasymptote ist der Grenzwert, dem die Forschung
zustrebt. Sie soll die endgültige Wirklichkeit darstellen, ist
aber wie jede andere Asymptote auch unerreichbar.

Die naturwissenschaftliche Wirklichkeit scheint nicht relativ,
aber sie ist es. Diese Relativität ist die \emph{Bezogen-- und
Bedingtheit}.

\begin{enumerate}
\item \emph{Regelrelativität.} Die definierten Regeln geben
naturwissenschaftlichen Aussagen eine besondere Form von
Gewissheit, aber sie geben auch an, was nicht
naturwissenschaftlich ist und grenzen so wesentliche Bereiche des
Menschen aus. Alles was nicht dem Schema entspricht wird als
Zufall abgestempelt.

\item \emph{Methodenrelativität} Es ist eine Illusion, dass die Summe der
Theorien die Wahrheit ergeben. Denn Theorien sind unbeweisbar (nie
als wahr zu beweisen und oft auch nicht als unwahr; vgl. K.
Popper) und nicht eindeutig (kein Eindeutigkeitsbeweis). Auch eine
Erklärung zeigt nur, dass Phänomene theoriekonform sind und ist
die Theorie uneindeutig, dann ist auch die Erkärung uneindeutig.

\item \emph{Strukturrelativität.} Naturwissenschaftliche Tatsachen entstehen auf
besondere Weise: sie entwickeln sich durch das Experiment und
werden erst durch die Methode sichtbar. Tatsachen sind also
methodenrelativ und ergeben ein methodenrelatives Bild, die
naturwissenschaftliche Wirklichkeit.

\emph{"`Relativität der Realität"'.} Die naturwissenschaftliche
Wirklichkeit ist intersubjektiv, sie soll für jeden gleich sein,
aber auch sie ist nur ein methodenrelatives Bild. Ihre scheinbare
Stabilität und Verlässlichkeit rührt daher, dass die Methode nicht
verändert wird. Die methodenrelative Wirklichkeit bleibt gleich.
\end{enumerate}

Man sieht dass es eine sehr eingeengte Sicht ist zu glauben, nur
was der Fortschrittsasymptote entspricht sei wahr. Es gibt viele
verschiedene Wirklichkeiten, keine von ihnen soll verabsolutiert
werden, denn wie in einem Kaleidoskop ändern sich die
Wirklichkeiten, wenn man den Betrachtungswinkel ändert.

Wenn auch nicht aus meinem Fachgebiet so meiner Meinung nach
trotzdem ein hervorragendes Beispiel für die Relativität der
naturwissenschaftlichen Wirklichkeit ist die Homöopathie: Es gibt
unzählige Fallberichte von mit dem Simileprinzip ("`Similia
similibus curentur"') erfolgreich behandelten Erkrankungen bei
Mensch und Tier. Trotzdem hat bis dato noch kein homöopathisches
Medikament bei einer Zulassungsprüfung bestanden. In der
Wirklichkeit der Schulmedizin hat die Homöopathie also keine
Chance, bei geänderten Regeln und Methoden würde das vielleicht
ganz anders aussehen.

\section{Der Wirklichkeitspluralismus}

Es gibt keine eigentliche Wirklichkeit, sondern viele
Wirklichkeiten von denen keine den Vorrang hat. Die einzelnen
Wirklichkeiten können trotzdem in sich stimmig sein, obwohl sie
nicht vereinbar sind. Von einer solchen Wirklichkeitsspaltung
spricht man z.B. beim Welle/Teilchen Dualismus.

Probleme gibt es immer dann, wenn Wirklichkeiten vermischt werden
(z.B. Naturwissenschaft mit Glauben) wodurch sogenannte
Pseudowirklichkeiten entstehen oder wenn es durch Intoleranz zur
Absolutierung einer Wirklichkeit kommt.

Als Beispiel möchte ich die Unvereinbarkeit von Relativitäts-- und
Quantentheorie nennen. Die Quantentheorie beschreibt Vorgänge in
kleinen Dimensionen richtig, die Relativitätstheorie im Großen.
Beide Theorien stimmen für sich. In einigen Punkten, wie z.B. dem
Zeit--Operator, schießen sie sich trotzdem vgegenseitig aus.

\section{Die Dynamik der "`normalen"' Wissenschaft}

Zur naturwissenschaftlichen Wirklichkeit gelangt man, indem man
sie über die Verknüpfunginstrumente (Regeln, Methoden und
Struktur) --- mittels Wissen --- aus der unendlichen Menge an
unstrukturierten Anschauungen formt. Im Sinne der
Fortschrittsasymptote wird dabei das Netz an Theorien immer enger,
die Wirklichkeit wird reichhaltiger, aber Regeln und Methoden
bleiben gleich.

Bei einer wissenschaftlichen Revolution ist die Dynamik eine
andere: Die alten Theorien eignen sich nicht mehr zur Lösung eines
Problems. Es kommt zum Bruch mit der Tradition und ein neues
Theorienetz beginnt sich zu entwickeln. Solche Revolutionen
beschränken sich nicht nur auf die Methode (Veränderung von
Begriffen und Theorien) sondern ändern auch das Regelfundament.

Über verschiedene Instrumente des Wissens werden aus dem Bereich
der Anschauungen verschiedene Punkte herausgegriffen und
verschiedene Wirklichkeiten gebildet. Es kann nun sein, dass die
neue Theorie die alte verdrängt (z.B. das kopernikanische Weltbild
ersetzt das ptolemäische Weltbild) oder dass mehrere
Wirklichkeiten nebeneinander bestehen bleiben (z.B.
Newton/Einstein Dilemma).

Ein gutes Beispiel für eine --- wenn auch kleine ---
wissenschaftliche Revolution in der Welt Datenübertragung
erscheint mir die Einführung der XDSL -- Technik. Bis vor einigen
Jahren glaubte man mit 56 kBit/sec das Maximum an Datenübertragung
via Telefonleitung erreicht zu haben, jedoch erkannte man, dass
bei Benützung des oberen --- bis dato unbenützten ---
Frequenzbereiches die Datenübertragung auf ca. 2 MBit/sec erhöht
werden konnte.

\section[Persönliche Stellungnahme]{Das Anliegen dieser Vorlesung und eine per\-sönliche Stellungnahme}

Ich sehe das Anliegen dieser Vorträge ebenso wie des Buches
"`Kaleidoskop der Wirklichkeiten"' darin begründet aufzuzeigen wie
bestimmte Phänomene aufgegriffen werden und zu einer Wirklichkeit
gemacht werden. Bei dieser Betrachtung kommt zwangsläufig heraus,
dass unsere naturwissenschaftliche Wirklichkeit nichts Absolutes
ist, ja beinahe willkürlich erscheint. Bedacht wird, dass man
anerkennen muss, dass die Wissenschaft --- trotz enormem
Wissensstand --- nicht "`allwissend"' ist oder je sein wird. Das
Abtun von anderen Wirklichkeiten als falsch und das Anheben der
eigenen Wirklichkeit in den Rang der Unfehlbarkeit kann daher
nicht richtig sein, und ist nur auf Intoleranz begründet.

Die Vorträge waren ganz sicher in der Lage das Bewusstsein dafür,
dass nicht alles so ist wie es scheint und neben dem was man sieht
noch vieles unsichtbar ist, (auf) zu wecken. Denn auch wenn man
weiß, dass es für ein Phänomen mehrere Erklärungen gibt, so ist
man als Student doch versucht eine davon zu lernen, mit dieser
weiterhin zu arbeiten und mit der Zeit ganz darauf zu vergessen,
dass es nur eine Theorie war, die man da gelernt hat und nicht die
absolute Wirklichkeit. Ich bin der Meinung, dass es immer nur den
ganz außergewöhnlichen Menschen gelingen wird eine "`neue"'
Wirklichkeit im Sinne einer wissenschaftlichen Revolution zu
finden und hoffe trotzdem dass möglichst viele Menschen
anerkennen, dass es "`viele, gleichberechtigte Wirklichkeiten"'
gibt. So sehe ich sowohl die Vorlesung als auch das Buch als einen
wertvollen Betrag Intoleranz und Absolutismus durch Aufklärung der
Hintergründe zurückzudrängen und nebenbei noch etwas Philosophie
auf die Technische Universität zu bringen.

\end{document}
